Mein Engadin Ultraks: was heisst Heimvorteil zu haben

Ich habe viel für Engadin Ultraks trainiert. Offensichtlich nicht genug.

Ich weiß, ich hatte ziemlich große Ansprüche, aber ich wollte versuchen, unter die Top Ten zu kommen. Ich wollte es machen.

Ich hatte das Glück, die Strecke ausprobieren zu können. Mit Blick auf die Ergebnisse der letzten Jahre hatte ich hervorragende Chancen, mein Ziel zu erreichen.

Es war die fünfte Durchführung von Engadin Ultraks. Ich wählte dieses Rennen wegen des Heimvorteils und wegen der Schönheit der Strecke.

Ich wollte einer dieser Trail Runner sein, die jeden einzelnen Schritt ihres Rennens kennen.

Und so fühlte ich mich.

Ich wollte ein Vorbild sein

Dieses Mal bin ich nicht nur wegen der Teilnahme an den Start gegangen. Ich ging, um ein Ergebnis zu erzielen.

Ich wollte den Menschen, die mir folgen, zeigen, dass ich ihr auch beim Trail Running Vorbild sein könnte.

Wie kann ich schliesslich über Trail Running sprechen, ohne etwas gewonnen zu haben?

Ich bin ein Fitnesstrainer. Um ein Vorbild für Trail Running zu sein, muss man ein Athlet sein.

Das Ergebnis: Ich habe nicht gewonnen. Ich bin nicht in einmal in die Nähe angekommen. Aber ich habe viel gelernt.

Das erste, was ich gelernt habe, ist nie zu entspannen und die Konzentration zu verlieren.

Das sage ich, da ich bei dem Rennen einmal nach oben geschaut habe, um eine meiner Lieblingsaussichten zu bewundern und mit dem Gesicht auf dem Boden gestürzt bin. Zum Gluck, bin ich nicht vom Weg abgekommen. 

Das zweite, was ich gelernt habe, ist,  deine Gegner nie zu unterschätzen. Bergauf war ich langsam. Aber ich war sicher in der Lage zu sein, fast alle Frauen wieder einzuholen, die an mir vorbeiliefen. Da ich jeden Zentimeter des Weges kannte, dachte ich, dass ich bergab schneller wäre. Ich war es. Aber zum Teil. Ich holte nur die Hälfte der Frauen ein, die mich bergauf überholten.

Mein Engadin Ultraks

Die Atmosphäre ist sehr angenehm. Viele sind gekommen, um mich zu anzufeuern.

Ich möchte ein gutes Ergebnis erzielen. Ich schulde es allen, die mir folgen. Ich schulde es meiner Familie, die mir den Rücken stärkt, damit ich trainieren kann.

Ankunft vor dem Lauf ist gerade rechtzeitig. Es sind nur noch fünfzehn Minuten. Ich fühle mich schwach. Ich habe heute Nacht nicht viel geschlafen und fühle mich nicht ausgeruht.

Ich ziehe meine Jacke aus, verabschiede mich von meiner Tochter und meinem Mann und gehe ich zum Start. 

Ich schaue auf die anderen Frauen. Ich versuche zu erkennen, wer von ihnen aus dem Engadin kommt. Nur die können gewinnen. Ich kenne den Weg und ich weiß, dass man ihn kennen muss. Nur eine Person, die es gewohnt ist, in diesen Höhen zu laufen, kann es schaffen.

Es geht los

Ich fange vorne an. Was mich am meisten erschreckt hat ist, dass ich schon im ersten Teil des Weges langsamer sein konnte, als alle Läufer anfingen zu laufen. 

Meine Beine tun weh. Wir betreten den Wald und es herrscht eine surreale Stille. Ich kenne niemanden.

Angekommen am ersten Tor ohne anzuhalten. Das hat auch niemand vor und hinter mir. Ich fühle mich einsam. Aber es gibt nichts Schöneres, als sich eins mit deinen Bergen zu fühlen.

Ich fühle mich nicht gut. Mein Kopf dreht sich. Ich bin diese Strecke letzte Woche gelaufen. Auf meiner Uhr sehe ich, dass ich langsamer bin.

Der Aufstieg beginnt und ich fange an zu laufen. Ich nehme ein Gel, um zu versuchen, mich zu erholen. Nichts. Meine Beine schmerzen mehr und mehr. Eine Frau kommt von hinten. Sie ist schneller als ich. Ich lasse sie vorbei.

Ich versuche nicht aufzugeben. Aber mein Kopf gibt mir andere Signale.

Ankunft an der Chamanna Segantini und wieder los. Von hier weiß ich, dass alles bergab geht. Ich muss aufpassen, wo ich hintrete. Es gibt viele Steine, bei denen technisch sichere Schritte und Sprünge gefordert sind. Mein Fehler: Ich hebe den Kopf, um den St. Moritzersee zu bewundern. Im nächsten Moment finde ich mein Gesicht auf dem Boden. Ich blute und denke, dass es für mich heute hier endet. 

Dann denke ich an meine Leser und laufe wieder los. 

Ich weiß, dass eine gerade Linie kommt, in der ich mich erholen kann. Ich laufe an ein paar Frauen vorbei.

Ich träumte davon, meinen Namen in den Top Ten der Engadin Ultraks zu sehen. Aber nun ich beginne zu denken, dass ich mit meiner Teilnahme  zufrieden sein muss. 

Den letzen Kilometer: Ich erhöhe meinen Rhythmus.

Ich erreiche die Ziellinie und sehe meine Tochter. Ich fühle mich so, als hätte ich gewonnen. Sie freute sich so mich zu sehen. Ich nehme sie in den Arm und obwohl ich blutete, musste ich auch lächeln.

Die Wahrheit ist, dass ich nicht genug engagiert war. Ich habe mich nicht konzentriert. Die Beine folgen dem Kopf. Mein Kopf war nicht fokussiert genug.

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner. Natürlich aus dem Engadin. 

Dies war mein erster Lauf mit so einem Höhenunterschied und Entfernung. Ich habe viel gelernt und bin als 30. Frau durch Ziel gekommen.

In diesem Sinne werde ich erhobenen Hauptes voranschreiten.